Arvenholz


Alte Arve auf der Alpe Grindji, Turmanntal                     ©  Greta Guntern-Gallati, 2011

ARVEN — SCHUTZGEISTER EINER VERZAUBERTEN WELT

Brücke zwischen Menschen und Himmel
Vor rund 12’000 Jahren, am Ende der letzten Glazialperiode, begannen Arven aus Sibirien und der Mandschurei einen langen Weg. Sie durchquerten den Eurasischen Kontinent und ließen auf ihren Wanderungen durch das Gebirgsmassiv der Karpaten ihren Samen fallen — von Serbien und Rumänien bis hin zu Polen, der Slowakei, der Tschechischen Republik und Österreich. Als sie die Schweizer Alpen erreichten, kletterten die kräftigsten Trekker bis auf beinahe 3'000 Höhenmeter und stießen in eine Region vor, welche die Ökologen als „Kampfzone“ bezeichnen.

Ueberlebenskünstler
Arven sind in der Tat große Kämpfer und Überlebenskünstler. Im Verlaufe der Zeit haben die Stärksten unter ihnen die gewaltigsten Gewitter, Blitzschläge und Schneestürme überlebt. Ihre Stämme wurden angesengt, die Äste verkrüppelt und gebrochen. Dann vernarbten die Wunden und verliehen jeder Arve ihre eigene Identität, ihre unverwechselbare Persönlichkeit. Weder Steinschläge, Felsstürze oder Erdrutsche konnten die Arven vertreiben. Sie haben selbst das harsche alpine Klima überstanden, mit eiskalten Wintern von minus 50 Grad Celsius und mit heißen Sommern, in denen die  Hitze bis zu plus 40 Grad erreichte.

Tief in der Erde verankert stehen sie da, diese grandiosen Skulpturen, diese alpinen Bonsais, die bis zu tausend Jahre alt werden können und eine geheimnisvolle Kraft sowie eine beeindruckende Würde ausstrahlen.

Kronjuwelen
Arven (pinus cembra) sind die Kronjuwelen unter den alpinen Bäumen. Sie treiben ihre kräftigen Pfahlwurzeln tief in den Erdboden hinein, um an Wasser und kostbare Mineralsalze zu gelangen. Dabei kommt es vor, dass sie eine solide Fluh spalten oder Felsbrocken umarmen wie eine Mutter, die ihr Kind in ihren Armen hält.

Arven und Nussknacker
Arven formen ein eigenes Ökosystem, innerhalb dessen sie mit Pilzen, Flechten, Insekten, Vögeln, Eichhörnchen, Mäusen und anderen kleinen Lebewesen harmonisch zusammen leben.  Ihre Interaktion mit dem elegant wirkenden Tännenhäher ist besonders interessant. Im Herbst öffnet dieser kleine Vogel Arvenzapfen und frisst die schmackhaften, kalorienreichen Samen. Er vergräbt zudem viele Samen in Felsspalten, um im Winter diese Nahrungsdepots plündern zu können. Doch weder Tannenhäher, noch Eichhörnchen oder Mäuse finden alle unter dem Schnee vergrabenen Samen. Ein Teil der übersehenen Samen wird im Frühjahr keimen und sich zu Arven entwickeln.

Dionysos
Nicht nur Tannenhäher, Eichhörnchen und Mäuse wissen die schmackhaften Samen zu schätzen, Menschen haben ebenfalls ihre Freude daran und legen Arvenzäpfen in Schnaps ein, um ein braunes Gebräu zu produzieren, das ihr Gemüt aufhellt. Dieser Brauch hat offenbar eine lange Tradition. Bereits Dionysos, der griechische Gott der Verrücktheit, des Weins und der Ekstase trug jeweils einen Thyrsus, einen riesigen Fenchelstab, der mit Efeu bekränzt und einem Pinienzapfen gekrönt war. Verrücktheit, Wein und Ekstase spielten bei den religiösen Mysterienriten der griechischen Antike eine bedeutsame Rolle. 

Menschen haben offenbar ein Urbedürfnis nach Ekstase, einem Trance-ähnlichen Geisteszustand. Auf dem ganzen Erdball haben zahllose Kulturen ganz bestimmte Techniken, Methoden und Rituale erfunden, um Ekstasen zu erreichen. Tanzen, Singen, Musik, Alkohol, Tabak, psychedelische Pilze, bestimmte Kräuter, Marathonläufe, extreme Kälte und Hitze, sensorische Deprivation, Selbstgeißelung,  selbst Ameisenbisse wurden benutzt, um Ekstasen zu erzeugen.

Symbol der Fruchtbarkeit
Im Römischen Reich galten Arvenzäpfen als Symbole der Fruchtbarkeit und Unsterblichkeit. In der Renaissance haben europäische Anatomen eine spezifische Struktur im Instinkthirn corpus pineale genannt, weil diese einem Pinienzapfen gleicht. Interessanterweise waren sie der Ansicht, dass dort der Sitz der Seele sei. Möglicherweise wurde diese Hypothese aus anderen und viel älteren Kulturen beeinflusst, denn Hindumystiker glaubten, dass im corpus pineale das 6. Chakra — ajna chakra — sitzt, das eine zentrale Rolle bei der spirituellen Erleuchtung und Gotteserkenntnis spielte. Heute wissen wir, dass das corpus pineale eine endokrine Drüse ist, die Melatonin produziert. Dieses Hormon reguliert unseren Wach-Schlaf Zyklus und beeinflusst auch andere Biorhythmen.

Heilkräfte
Holz, Nadeln und Harz der Arven enthalten eine hohe Konzentration einer angenehm riechenden aromatischen Substanz, das sogenannte Pinosylvin. Pinosylvin ist gut für unsere Gesundheit. Zeitgenössische Forschungsresultate beweisen, dass es sehr gesund ist, in Wohnungen aus Arvenholz zu leben, und dass der Schlaf in einem Bett aus Arvenholz besonders erholsam ist. Arvenholz vermindert Wetterfühligkeit, die den Menschen mit Kopfschmerzen, Migräne, Reizbarkeit und anderen Symptomen plagt. Es vermindert die Pulsrate und beschleunigt die neuro-vegetative Erholung. Mit anderen Worten, Arven sind Schatztruhen voll geheimnisvoller Heilkräfte.

Spirituelle Erfahrung
Wer über Stock und Stein klettert, in Gräben und Schluchten hineinsteigt, schließlich in einem Arvenhain landet und sich müde und zufrieden auf den Boden legt, kann eine tiefe sinnliche und spirituelle Erfahrung machen. Man betrachtet die mit graugrünen Arvennadeln besetzten Äste, die sich in der Brise sanft hin und her wiegen. Man bewundert die mächtigen Arvenstämme mit ihren braunroten Wurzeln, die über Flühe schleichen und sich um Felsbrocken herumwinden, bevor sie schließlich im Waldboden versinken. Arve und Mensch betrachten sich gegenseitig und teilen einander lautlos ihre Lebensgeschichte mit.  In diesem Augenblick der Verzauberung begreift der Mensch, dass die Arve viel älter ist als der Mensch und Zugang zu einem Wissen hat, das uns Menschen verwehrt ist.

© Text: Gottlieb Guntern, 2009                        © Foto: Greta Guntern-Gallati, 2011
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